"So ein Tag!" – aus Nienburg
Zufallsbekanntschaften in Norddeutschland
Die Stadt Nienburg gestaltet sich für uns als ganz harte Nuss. Fast zwei Stunden lang fragen wir die Menschen in der Fußgängerzone, ob jemand bereit ist, sich den ganzen Tag von uns mit der Kamera begleiten zu lassen. Schließlich wechseln wir leicht entmutigt den Standort und begeben uns auf den Parkplatz eines Einkaufszentrums. Und dort treffen wir ihn: Lorenzo Arndt, 21 Jahre alt, Halb-Italiener, ein sympathischer und charmanter Jung-Unternehmer mit Ausstrahlung und voller Energie. Er überlegt nur kurz – und sagt dann zu. Zunächst begleiten wir ihn in den Supermarkt. Dort muss er noch Gnocchi und Zitronen kaufen. Er ist in Eile, weil um 14 Uhr sein Restaurant öffnet. Erst vor vier Tagen hat er die Gaststätte feierlich eröffnet. Und es war so voll, dass selbst der Bürgermeister keinen Platz mehr bekommen hat, weil er nicht reserviert hatte.
Alles
ist neu in diesen Tagen. Lorenzo erzählt uns davon, dass er eigentlich
nie etwas anderes machen wollte – wie sein Vater. Der heißt
Enzo und betreibt in der Innenstadt von Nienburg das "Rossini".
Ihn lernen wir kurze Zeit später kennen, denn Lorenzo fährt mit
seinem schnittigen Alfa Romeo bei ihm vorbei, um sich noch schnell eine
Packung scharfe Salami auszuleihen. Papa Enzo lädt uns zu einem Espresso
ein und erzählt, dass er vor sechs Jahren alles verloren hat und ganz
neu beginnen musste. Er ist stolz auf seinen Sohn – betont aber auch,
dass er ihn finanziell bei seinem eigenen Restaurant nicht unterstützt
hat. Er sagt, seine Kinder müssten auf eigenen Beinen stehen –
und erst, wenn sie stolpern, sei er an ihrer Seite. Lorenzo drängt
– er steht unter Strom. Wir fahren nach Schessinghausen, einem Vorort
von Nienburg. Dort hat er das alte Gasthaus "Bahlmann" übernommen.
Auf dem Weg dorthin, zeigt er uns noch die alte Bretterbude, in der er als
16jähriger seine ersten Pizzen verkauft hat. Hier hat seine Karriere
begonnen.
Im
Restaurant angekommen, klemmt er sich gleich ans Telefon. Die gekühlte
Salattruhe ist defekt – der Kundendienst kann aber heute nicht mehr
kommen. Was nun? In seiner Not ruft er seinen Vater an – der hat noch
so eine Truhe stehen – und zwei Stunden später ist das Problem
gelöst. Das Küchenteam rückt an: Marco, Joe und Jörg
arbeiten erst seit ein paar Tagen – alles muss sich erst noch einspielen.
Gestern mussten sie 70 Essen zubereiten – alles ist noch ein wenig
hektisch – alle sind aufgeregt dabei – bei dieser spannenden
Pionierarbeit mit einem 21jährigen Chef. Hinter der Theke stehen Nicoline
und Patrick - und an seiner Seite hat Lorenzo zwei tatkräftige Familienmitglieder:
seinen 16jährigen Bruder Vinzenzo und Mutter Marianne, die von ihrem
Ehemann getrennt lebt und in Lauenau ein eigenes Restaurant hat. Sie hätte
es lieber gesehen, wenn Lorenzo studiert hätte, sagt sie. In der Gastronomie
habe man nie Feierabend – ein Privatleben sei fast unmöglich.
Am Nachmittag kommen die ersten Kaffeegäste. Lorenzo erzählt uns, dass er immer davon geträumt hat, mal sein eigener Chef mit eigenem Lokal zu sein. Und jetzt sei er fast am Ziel. Seine Freundin Eva würde ihn gut dabei unterstützen – sie mache gerade ein Praktikum bei der TUI in Hannover – und wolle am Abend noch vorbeischauen. Angelo ist gekommen. Er ist mit 13 Jahren der jüngste der Brüder. Aber auch er hat schon Blut geleckt. Das Restaurant liegt direkt an einem Sportplatz – und am Gebäude gibt es einen alten Kiosk. Den hat er in den letzten Tagen eigenhändig gestrichen – und bald will er dort Eis, Getränke und Süßigkeiten an die Fußballer verkaufen.
Gegen
Abend beginnt in Schessinghausen der Stress. Wieder kommen die Gäste
in Scharen - der Parkplatz ist schnell gefüllt. Viele kennen Lorzenzo,
seinen Vater oder sind einfach nur neugierig. Fast alle Tische auf der Sonnen-Terrasse
sind besetzt – und das an einem gewöhnlichen Donnerstagabend.
Die Gäste genießen den lauen Sommerabend – und in der Küche
boxt der Papst. Lorenzo ist dabei der Fels in der Brandung – er ist
bestimmt und konzentriert bei der Sache – hat alle Fäden in der
Hand. Und draußen auf der Terrasse merkt man ihm den Stress nicht
an – dort plaudert er entspannt mit seinen Gästen. Er hält
sich dabei an den Wahlspruch seines Vaters, von dem er viel gelernt hat.
Der sagt: Wenn die Gäste essen gehen, wollen sie ein Gefühl von
Urlaub haben. Und wir sind dazu da, ihnen dieses Gefühl zu geben.
So ein Tag! - aus Nienburg
Regie und Idee: Johann Ahrends
Format-Entwicklung und Produktion: video:arthouse GbR
Kamera: Reinhard Bettauer
2. Kamera: Florian Hoff
Ton: Sebastian Beck
Schnitt: Kay-Stephan Rettig
Länge: 30 Minuten
Erstsendung: 7. August 2007, 18.15 Uhr, NDR Fernsehen
Weitere Folgen jeweils dienstags um 18.15 Uhr
