Tel: 0511 510 6241
info@johann-ahrends.de

Herr Jüsche und der Leuchtturm

Ein Leben von ganz unten nach ganz oben

Das marode LeuchtturmwärterhausDer Top-Manager Erhard Jüsche sitzt an einem Winterabend 1982 in einer Kölner Kneipe und bestellt ein Bier. Der Tag war lang und anstrengend. Er ist froh, dass endlich Feierabend ist. Die Kellnerin stellt das Glas auf den Tisch und legt noch einen Bierdeckel darunter. Erhard Jüsche betrachtet das Motiv des bunten Untersetzers. Im selben Moment ist es um ihn geschehen. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Erhard Jüsche sieht einen Leuchtturm am Deich mit einem kleinen Haus dahinter und sagt sich: „Da möchte ich einmal wohnen!“ 14 Jahre später ist es soweit – der Umbau des maroden Leuchtturmwärterhauses im ostfriesischen Pilsum beginnt.

Erhard und Henny JüscheHeute verbringen Erhard Jüsche und Ehefrau Henny viel Zeit in ihrem Traumhaus am Deich. Nach seiner Pensionierung hat der Wirtschaftsboss den feinen Zwirn gegen den grauen Kittel getauscht, hat Bagger und Bauleute bestellt und fing an, sich sein Paradies zu schaffen. „Ich habe hier jeden Baum eigenhändig gepflanzt“, sagt der 72jährige stolz. Am Eingang des Anwesens liegt ein Gedenkstein. Darauf steht geschrieben:

„Du kommst und du gehst, aber wenn du wiederkommst wirst du für immer bleiben.“

Erhard Jüsche, vier Jahre altGeboren wurde Erhard Jüsche 1938 in Ostpreußen – 20 Kilometer nördlich von Königsberg als Sohn eines Gutsverwalters. Kurz nach seiner Einschulung wurde seine Familie von den Russen vertrieben. Mit zehn Pferden und offenen Leiterwagen machte sich das ganze Dorf auf den Weg nach Pillau, um von dort über das Meer das Land zu verlassen. Unterwegs wurde der Vater zum Volkssturm eingezogen. Zusammen mit seiner Mutter, der Großmutter und seinen beiden Brüdern setzte Erhard Jüsche die Flucht fort. Sechs Jahre alt war er damals. Zweimal wurde der Treck von den Russen überfallen und ausgeraubt. Drei Monate waren sie unterwegs, bis die Tortour ein jähes Ende nahm. Denn in einem Kuhstall wurden sie von einer Bombe getroffen - die Großmutter kam dabei ums Leben.

Noch heute geht Erhard Jüsche dieses Erlebnis sehr nah – er kann kaum darüber sprechen. Über die Rücken lebender Kühe sei er zusammen mit seinen Brüdern aus dem brennenden Stall gekrochen, erzählt er mit stockender Stimme. Noch heute habe er ein „Andenken“ davon am Bein. Sie setzten ihren Weg fort und kamen nach Pillau. Doch dort hat die Familie keinen Platz mehr auf den Schiffen bekommen. Sie mussten umkehren in ihr Dorf.

Das Dorf in OstpreussenZweieinhalb Jahre blieben sie – es waren die schlimmsten Jahre im Leben von Erhard Jüsche. „Wir hatten nichts mehr zu essen, um uns herum begann das große Sterben“, erzählt der Rentner. Er sei damals mit seinen sieben Jahren der Experte für das Zubereiten von Suppen aus Baumrinde und Fröschen gewesen. Die Hälfte der zurückgekehrten Dorfbewohner überlebte nicht. Und dieses Dorf war kein Einzelfall. Von den 2,6 Millionen Einwohnern Ostpreußens vor dem Krieg, konnten etwa 130 000 nicht mehr flüchten und gerieten unter russischer Besatzung. Mehr als ein Drittel davon hat die folgenden Jahre nicht überlebt.

EinschulungDie Familie von Erhard Jüsche überstand diese schlimmen Jahre. Im November 1947 wurden sie nach Sachsen-Anhalt in die damalige DDR ausgesiedelt. Hier wurde Erhard Jüsche erneut eingeschult – mit fast zehn Jahren kam er in die 1. Klasse. Erst jetzt lernte er Lesen und Schreiben, denn in Russland gab es für deutsche Kinder keinen Unterricht. Zwei Jahre später machte der Suchdienst seinen Vater ausfindig. Er war nach vierjähriger Gefangenschaft nach Norderney entlassen worden. Die Familie war getrennt – sämtliche Anträge der Mutter auf Zusammenführung wurden abgelehnt, weil die drei Söhne offenbar beim Aufbau des Staates helfen sollten.

Eines Abends brach die Mutter dann mit ihren drei Kindern auf, um illegal über die Grenze in den Westen zu gelangen. Auf dem Grenzstreifen bei Marienborn/Helmstedt begegneten sie in dieser dunklen Nacht einem DDR-Grenzsoldaten. Als der die Mutter mit den drei Kindern sah, drückte er ein Auge zu und ließ sie gehen. Eine schicksalhafte Begegnung, die Erhard Jüsche noch heute die Tränen in die Augen treibt: „Er war wohl einfach nur ein guter Mensch!“

Lager Norden-TidofeldErhard Jüsche kam nach Ostfriesland – und wurde zusammen mit seiner Familie untergebracht in einer Baracke des Flüchtlingslagers Norden-Tidofeld. Mit 1200 Menschen war es damals eines der größten Vertriebenlager Deutschlands. „Ich habe mich dort nie wohl gefühlt“, erzählt Erhard Jüsche. Die Insassen des Lagers seien diskriminiert worden, jungen Mädchen aus dem Dorf wurde der Kontakt zu den „Flüchtlingen“ verboten. Erhard Jüsche zog sich immer mehr zurück, wurde zum Einzelgänger. Eingehüllt in einen Lodenmantel streifte er durch die Wälder, sein größter Wunsch war es, Förster zu werden. Wie heute liebte er schon damals die Natur. „Das war auch ein Grund dafür, warum ich dieses Haus gekauft habe“, sagt er. Denn das Leuchtturmwärterhäuschen liegt mitten in einem Rückzugsgebiet für Zugvögel. Manchmal rasten tausende von Nonnengänsen direkt vor seinem Fenster. „Dann habe ich einen Hochstand mit Fußbodenheizung“, schmunzelt der Hobby-Ornithologe.

Erhard Jüsche mit Gerd Constapel1953 begann Erhard Jüsche die zweijährige Handelsschule in Norden. Und dort lernte er Gerd Constapel kennen, mit dem er noch heute – mehr als 50 Jahre später – gut befreundet ist. „Erhard hat mich im Winter mit ins Watt genommen und im Herbst schmackhafte Pilze zubereitet“, sagt Constapel. Beides Dinge, die er als gebürtiger Ostfriese nie gemacht hätte. Die Freundschaft zu Erhard Jüsche habe ihm ganz neue Horizonte eröffnet. Faszinierend wirkte der junge Mann mit dem Lodenmantel wohl auch auf Henny Harms. „Er saß in der Schule hinter mir und war bei den Klassenarbeiten überhaupt nicht aufgeregt“, schwärmt sie noch heute. Die beiden lernten sich kennen und lieben. „Er ist in meinem Leben immer der Fels in der Brandung gewesen und ist es noch heute“, sagt sie voller Bewunderung.

Erhard JüscheUnd Erhard Jüsche ging seinen Weg. 1955 begann er eine zweijährige Lehre als Industriekaufmann in Norden. Unter den Auszubildenden war auch Hinrich Swieter, der später sogar Finanzminister von Niedersachsen wurde. Ein Erlebnis aus dieser Lehrzeit hat Erhard Jüsche bis heute nicht emotional losgelassen. „Wir Lehrlinge mussten das Wechselgeld zur Bank bringen. Als ich dran war, fehlten am Ende 30 Pfennig in der Kasse“, erinnert sich Jüsche. Ihm wurde das Vertrauen entzogen, er durfte nicht mehr zur Bank. Diese Diskriminierung hat ihn zutiefst getroffen. Nur stockend kann er diese Geschichte heute erzählen. Sein ganzes Leben lang hat er das nie richtig verkraftet. „Als ich als Finanzvorstand unseres Konzerns einmal einen Vertrag über mehrere 100 Millionen unterschreiben musste, habe ich die Sitzung unterbrochen, weil ich an das Erlebnis aus Norden denken musste“, erzählt der ehemalige Top-Manager.

Erhard Jüsche, JournalistAber Erhard Jüsche wurde nicht nur von den Einheimischen diskriminiert, er hat sich auch unter seinesgleichen keine Freunde gemacht. In dieser Zeit sammelte er nämlich erste Erfahrungen als Journalist. Für die Lokalzeitung schrieb er Artikel. „Einmal habe ich darüber berichtet, dass viele Vertriebene in Tidofeld einen Fernseher hatten“, erinnert er sich. Der Artikel trug den Titel „Wohlstand der Armen“ und kam bei seinen Landsleuten aus dem Osten überhaupt nicht gut an. „Meine Mutter ist damals durch ein Hinterfenster der Baracke geklettert, um mich vor den wütenden Männern vor unserem Haus zu warnen“, sagt Erhard Jüsche. Er versteckte sich auf einem Hochsitz – der Chef der Lehrfirma erteilte Schreibverbot.

Erhard Jüsche heiratet1958 zog Erhard Jüsche mit seiner Familie nach Köln, obwohl alle drei Kinder in Ostfriesland Arbeit gefunden hatten. Sein Vater allerdings war seit der Entlassung aus der Gefangenschaft arbeitslos gewesen und wollte raus aus dem Flüchtlingslager. Vier Jahre lang führte Erhard Jüsche eine Fernbeziehung mit seinem „Fräulein Harms“, bis sie schließlich 1962 in der Ludgeri-Kirche in Norden heirateten. Jetzt begann der rasante Aufstieg des Erhard Jüsche. In einem Abendstudium der Uni Köln machte er seinen Betriebswirt. Und dann arbeitete er sich hoch bis in den Vorstand eines der größten Handelsunternehmen Deutschland. „Wir hatten 12000 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von sechs Milliarden DM“, erzählt Erhard Jüsche stolz. Am Ende habe er nur noch die Gesellschafter und den „lieben Gott“ über sich gehabt. Und auch die Familie wurde größer. Erhard und Henny Jüsche haben heute zwei Kinder und sechs Enkelkinder. In zwei Jahren haben er und sein „Fräulein Harms“ Goldene Hochzeit.

Erhard Jüsche vor dem Pilsumer LeuchtturmVon ganz unten – nach ganz oben. Das ist die Lebensgeschichte von Erhard Jüsche. Dem Flüchtling mit dem Lodenmantel, der sich als Kind von Fröschen ernährte, zehn Jahre im Vertriebenen-Lager lebte und dann als gutsituierter Mann nach Ostfriesland zurückkehrte. Hier lebt er nun seit zwölf Jahren zusammen mit seiner Henny im Schatten des berühmten Pilsumer Leuchtturms. „Und solange wir immer noch unsere Fahrräder auf den Deich schieben können, solange bleiben wir auch hier“, sagt Erhard Jüsche. Für ihn ist es der schönste Ort auf der ganzen Welt.

1. Erhard Jüsche schrieb am 03.09.2010

Hallo Herr Ahrends,
danke - da waren wohl noch ein paar Nächte im Schnittraum drin. Wir sehen uns dann bei
der Verleihung des nächsten Deutschen Fernsehpreises für den besten Kurz-/Low-Budget-Film.

PS:
Wurde gestern in der ersten halben Stunde nach der Sendung überrollt von Spontananrufen mir
unbekannter Menschen, hier eine Auswahl: (O-Ton)

*1. "der Film hat mir persönlich viel gegeben, möchte mich bedanken, hatte ein ähnliches Schicksal"

2. "entschuldigen Sie, meine Schwester hat mich informiert, dass ein sehr guter Film über Tidofeld
gelaufen ist, war auch in Tidofeld von 1949 bis 1952 in der Baracke bei Onkel Pitt, Nr. weiß ich nicht.
Ich war damals 5 Jahre meine Schwester 14 Jahre. Vielleicht kennen wir uns.Meine Schwester, die
blöde Kuh ,hätte mich auch früher informieren können.

usw.

[…]

Alles Gute
Danke
Henny u. Erhard Jüsche

2. Gerd Constapel schrieb am 03.09.2010

Lieber Herr Ahrends,

ich gratuliere zu dem sympathischen Porträt meiner beiden Freunde Henny und Erhard Jüsche!

Sehr einfühlsam und anrührend waren die Interviews, alles sehr gut zusammengestellt zu einer zusammenhängenden Geschichte, gut kommentiert, begleitet von prächtigen Landschaftsaufnahmen und einer angenehmen und nicht kitschigen Begleitmusik. Meine Frau und ich sind sehr angetan.

[…]

Mit herzlichen Grüßen aus Leer nach Hannover,

Ihr Gerd Constapel

3. Erhard Jüsche schrieb am 04.10.2010

Sehr geehrter Herr Ahrends,
als wir Mitte letzter Woche von Köln nach Pilsum kamen, quoll der Briefkasten
über (hätten mir ja auch sagen können, dass man nach so einem Film einen größeren Postkasten braucht!!)
Unbekannte haben uns Briefe geschrieben, Geschenke geschickt und Diverses für die Leuchtturm-Sammlung,
u. a. auch aus dem tiefen Bayern (Ottobrunn): "im NDR sah ich eine Sendung über Sie und dem Leuchtturm Pilsum,
die mich sehr begeisterte" (Kain Peter)

Renate Schmidt(unbekannt) aus Herford: "die sehr sensible Dokomentation über Ihr "neues" Leben v or dem
Hintergrund Ihrer Lebensgeschichte hat mich sehr beeindruckt..." (legt als Geschenk einen Kalender mit
künstlerisch sehr anspruchvollen handgezeichneten Vogelbildern bei"

Birgit März (unbekannt) :"Mein Ehemann und ich verbringen derzeit unseren Urlaub auf der Nordseeinsel Borkum
und hatten dadurch gestern Zeit, uns die Sendung "Herr Jüsche und sein Leuchtturm" anzusehen. Der Titel
machte uns neugieig, weil wir den Norden und besonders auch die Leuchttürme lieben.
Der Film über ihr Leben,
früher im Beruf und heute am Deich, hat uns sehr angesprochen. Es ist ein sehr schöner Film geworden.
Sie können stolz sein auf Ihr kleines Paradies........... (legt 2 auf Borkum gekaufte Pillendosen mit dem Leuchtturm-
Motiv auf dem Deckel bei).

Parisius, Berhard, Prof. Dr., Staatsarchiv Aurich: "Den Film habe ich mir angesehen.Ich habe ihn als sehr offen-
und ich finde dass das gerade seinen großen Reiz ausmacht - . empfunden. Es ist ein wunderbares Dokument
für das Projekt Gnadenkriche Tidofeld. Herzlichen Glückwunsch."

Ja, und dann noch Anrufe oder Post von verschollen geglaubten alten Freunden und Bekannten.

Aber Sie kennen das ja besser als jeder andere. - So ist das nun mal.Da sieht man mal was ein gutgemachter
Film alles anrichtet. Wer denkt dann noch an die Einschaltquote

[…]

Alles Gute

Erhard Jüsche