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Sturmflut in Ostfriesland

Orkantief „Xaver“ wütet in Emden und Norderney

Es ist eine der schwersten Sturmfluten der letzten 100 Jahre – die Menschen an der Küste sind dem Orkantief „Xaver“ ausgeliefert und trotzen den Naturgewalten. Die sieben Inseln von Borkum bis Wangerooge sind vom Festland abgeschnitten – der Fährbetrieb ist eingestellt. Überall in Ostfriesland sind Küstenschützer, Polizei und Feuerwehr in Alarmbereitschaft. Und auch wenn die Küstenbewohner gewarnt sind – niemand weiß, ob die Deiche wirklich halten.

Gerwin Harms lebt mit seiner Familie im östlichsten Haus aus der Insel Norderney. Dort betreibt er einen Campingplatz mit Reiterhof. Rechtzeitig vor dem großen Sturm bringt Harms seine Tiere in Sicherheit und bereitet sich auf das Schlimmste vor. Vor wenigen Wochen hat ihm bereits Sturmtief „Christian“ arg zugesetzt – das Dach vom Pferdestall wurde teilweise abgedeckt – ein Pferdeanhänger kippte um und drohte wegzufliegen. „Man hat schon Angst um sein Leben, alles andere kann man ersetzen“, sagt der 45jährige Insulaner am Morgen vor dem großen Sturm. Nach dem Frühstück sichert er zusammen mit Ehefrau Sabine den Hof, die Pferde werden in einen sicheren Stall gebracht, schwere Strohballen vor die Garage gefahren. Der sechsjährige Bjarne erlebt seine erste große Sturmflut – er hat an diesem Tag schulfrei – wie alle Kinder in ganz Ostfriesland.

Im Außenhafen von Emden zittert die AG Ems regelmäßig vor großen Schäden. Denn Verwaltung, Logistik-Zentrum und Abfertigungsgebäude der Borkum-Fähren liegen außerhalb des Schutzdeiches und werden regelmäßig überflutet. Corina Habben arbeitet seit 16 Jahren in dem Unternehmen und hat schon manche Sturmflut mitgemacht. Doch Routine ist es irgendwie auch nicht – denn es ist immer wieder aufregend und spannend – niemand weiß, wie hoch das Wasser tatsächlich steigen wird. Auch jetzt werden wieder Sandsäcke vor den Bürofenstern aufgestapelt – bei der letzten großen Sturmflut 2006 stand das Wasser am nächsten Tag bis zur Schreibtischkante. Und eine Versicherung zahlt nicht.

Am Nachmittag rücken auf Norderney die Männer vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Küstenschutz aus – sie haben jetzt die verantwortungsvollste Aufgabe – insgesamt sieben Deichtore müssen geschlossen werden. Und auch im Emder Hafen wird alles gesichert, was gesichert werden kann. Berend Snippe ist Niederlassungsleiter von NiedersachsenPorts. Er hat an diesem Tag die Verantwortung – und leitet den Einsatzstab Sturmflut. Hier rücken am Abend 30 Leute mit ihren Fahrzeugen und schweren Maschinen aus, um die Deichscharten der Bahnstrecke und der Zufahrtstraßen zu schließen. Gerhard Riemeyer ist an diesem Abend Nautiker vom Dienst im Hafenverkehrszentrale: „Das ist eine schwere Sturmflut, die wir erwarten – die Lage ist durchaus ernst!“ Und auch am Emssperrwerk im etwas südlich gelegenen Gandersum sind die Männer angespannt. Hier erreicht der Pegel an diesem Abend mit 3,74 Meter über dem normalen Hochwasser den höchsten jemals gemessenen Wasserstand nach der schweren Sturmflut von 2006.

Und dann kommt er in der Nacht – mit aller Macht – Xaver versetzt Menschen und Einsatzkräfte in eine Ausnahmesituation. In Emden steigt der Pegel bis auf 3,50 Meter – das Wasser schwappt über die Kaimauer und überflutet in Minutenschnelle den gesamten Hafenbereich. Sandsäcke und Hochwasserplanken reichen nicht – die Büros laufen voll – wie vor sieben Jahren. Zehn Mitarbeiter der AG Ems wischen die Flure und schmeißen die Pumpen an. Die Straßen im Außenhafen sind jetzt nur noch mit Wathosen zu überqueren. Und auf Norderney rückt Gerwin Harms mitten in der Nacht aus, um zusammen mit seinen Nachbarn den Deich zu kontrollieren. Denn bricht der Damm, sind Hof und Familie gefährdet.

1. Frank Thorenz, NLWKN schrieb am 17.12.2013

Hallo Herr Ahrends,

Es ist Ihnen ein sehr eindringlicher Beitrag gelungen, der das Leben mit der Sturmflut, die menschlichen Anstrengungen einerseits und die nie vollständige Kalkulierbarkeit der natürlichen Kräfte andererseits sehr anschaulich darstellt. Meinen Glückwunsch hierzu.

2. Berend Snippe schrieb am 03.01.2014

Lieber Herr Ahrends,
für Ihren Bericht, unsere Aufgaben des Sturmflutschutzes im Hafen Emden zu erfüllen, möchte ich Ihnen sehr herzlich danken.
Sie haben die gesamte Atmosphäre und den Einsatz der gesamten Mannschaft wirklich sehr authentisch "eingefangen". Alle Mitarbeiter sind über Ihre Arbeit und die Darstellung unserer Aufgabenwahrnehmung sehr froh.
Vielen Dank an Sie und Ihr Team,
.... und bei der nächsten Sturmflut sind Sie wieder willkommener Gast.
Herzliche Grüße
Berend Snippe